35°C – wird das Wasser knapp?

·

·

, , ,

Wasser ist keine Selbstverständlichkeit – auch nicht in NRW

Ende Mai mussten die Stadtwerke Jülich die Menschen zum Wassersparen aufrufen. Keine Pools befüllen, keine Gärten sprengen, kein unnötiger Verbrauch von Trinkwasser. Der Grund war deutlich: Die Wasserreservoirs gingen zur Neige.

Das klingt zunächst wie eine lokale Meldung. Jülich ist nicht Essen. Jülich ist nicht das Ruhrgebiet. Und doch zeigt dieser Fall sehr klar, worüber wir in Nordrhein-Westfalen stärker sprechen müssen: Wasser ist nicht unbegrenzt verfügbar. Auch nicht bei uns.

Wir sind ein wasserreiches Land – aber wir sind kein Land ohne Wasserprobleme.

Wasserknappheit beginnt nicht erst am leeren Hahn

Wenn Temperaturen steigen, wenn Regen ausbleibt und wenn der Wasserverbrauch gleichzeitig nach oben geht, dann geraten auch gut ausgebaute Versorgungssysteme unter Druck. In Jülich kam genau das zusammen: hohe Temperaturen, ein deutlich gestiegener Verbrauch und Speicher, die sich nicht mehr ausreichend erholen konnten.

Besonders kritisch ist dabei nicht nur der Verbrauch am Tag. Auch nachts, wenn sich Speicher normalerweise wieder füllen können, blieb der Verbrauch sehr hoch. Genau daran sieht man: Es geht nicht nur um einzelne heiße Tage. Es geht um Belastungsgrenzen unserer Infrastruktur.

Wasserpolitik ist deshalb nicht abstrakt. Sie entscheidet darüber, ob Versorgung auch in Hitzewellen verlässlich funktioniert. Ob Kommunen vorbereitet sind. Ob Leitungen, Speicher, Brunnen, Verbundsysteme und Notfallpläne zusammenpassen. Und ob Menschen rechtzeitig wissen, was zu tun ist.

Was das mit Essen zu tun hat

In Essen beziehen wir unser Trinkwasser nicht aus denselben Strukturen wie Jülich. Wir haben mit Ruhr, Ruhrverband, Talsperrensystem und Wasserwerken andere Voraussetzungen. Aber auch bei uns gilt: Hitze, Trockenheit und Nutzungskonflikte nehmen zu.

Gerade in einer dicht besiedelten Stadt wie Essen wird das spürbar. In verdichteten Quartieren heizen sich Straßen, Häuser und Innenhöfe besonders stark auf. Menschen ohne Garten, ohne kühle Wohnung, ohne flexible Arbeitsbedingungen oder mit gesundheitlichen Einschränkungen leiden zuerst unter Hitzewellen. Gleichzeitig steigt der Wasserbedarf: für Haushalte, Stadtgrün, Kühlung, Landwirtschaft, Gewerbe und ökologische Mindestanforderungen an Gewässer.

Deshalb reicht es nicht, in Krisen zum Wassersparen aufzurufen. Wir müssen vorher handeln.

Wasser braucht Planung – nicht Panik

Die wichtigste Lehre aus solchen Situationen ist: Wasserpolitik darf nicht erst beginnen, wenn Speicherstände kritisch werden.

Wir brauchen in NRW eine vorausschauende Wasserstrategie. Dazu gehören bessere Daten, klare Zuständigkeiten, resiliente Versorgungsstrukturen und eine Stadtentwicklung, die Wasser nicht einfach ableitet, sondern in der Fläche hält.

Konkret heißt das:

Wir müssen Städte so umbauen, dass sie Hitze und Starkregen besser verkraften. Mehr Entsiegelung, mehr Schatten, mehr Grün, mehr Versickerung und mehr Rückhalt von Wasser in der Fläche. Das ist keine ökologische Nebensache, sondern Daseinsvorsorge.

Wir müssen Trinkwasser als kritische Infrastruktur behandeln. Versorgungssicherheit braucht Investitionen, Personal, Planung und eine ehrliche Analyse der Risiken. Dazu gehört auch die Frage, wo Kommunen voneinander abhängig sind und wo Verbundlösungen helfen können.

Und wir müssen offen darüber sprechen, dass Nutzungskonflikte zunehmen werden. Trinkwasser, Landwirtschaft, Industrie, Freizeitnutzung, Gewässerökologie und Stadtgrün greifen auf dieselbe Ressource zu. Politik muss diese Interessen nicht gegeneinander ausspielen, aber sie muss Prioritäten klären.

Wasser ist eine soziale Frage

Wer über Wasser spricht, spricht auch über Gerechtigkeit.

Denn Hitzewellen treffen nicht alle gleich. Wer in einer schlecht gedämmten Dachgeschosswohnung lebt, wer gesundheitlich vorbelastet ist, wer im Freien arbeitet oder wer kein Geld hat, um sich Entlastung zu verschaffen, ist stärker betroffen. Auch Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen und Menschen in Pflegeeinrichtungen sind besonders verletzlich.

Deshalb darf Wasserpolitik nicht nur technisch gedacht werden. Sie muss sozial gedacht werden. Es geht um bezahlbare Versorgung, um Schutz vor Hitze, um öffentliche Räume, die auch im Sommer nutzbar bleiben, und um eine Stadt, in der nicht nur wohlhabende Viertel grün und kühl sind.

Mein Anspruch für NRW

Ich arbeite im Landtag und in der Enquetekommission „Wasser in Zeiten des Klimawandels“ daran, dass Nordrhein-Westfalen beim Thema Wasser vom Reagieren ins Vorsorgen kommt.

Wir brauchen keine Panik. Aber wir brauchen Ernsthaftigkeit.

Der Fall Jülich zeigt: Wasserknappheit ist kein theoretisches Zukunftsszenario. Sie kann sehr konkret werden. Auch bei uns in NRW. Und sie macht deutlich, dass Klimaanpassung, Infrastrukturpolitik und soziale Gerechtigkeit zusammengehören.

Wasser muss verfügbar bleiben – für Menschen, für Tiere, für Landwirtschaft, für Natur und für unsere Städte. Dafür müssen wir heute planen, investieren und handeln. Nicht erst dann, wenn der nächste Sparappell kommt.