Drecksarbeit. Knochenjob. Lebensgefahr. – Die härteste Seite unserer Autobahn

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Um 8 Uhr morgens komme ich auf dem Hof der Autobahnmeisterei Duisburg an. Und bin eigentlich schon zu spät: Die Straßenwärter sind längst draußen. Während der Berufsverkehr über die A40 rollt, arbeiten sie mittendrin – damit wir sicher nach Hause kommen.

Um acht Uhr ist der Hof schon fast leer

Mein Praktikumstag bei der Autobahn GmbH beginnt in der Autobahnmeisterei Duisburg. Von hier aus werden auch die Autobahnen in Essen betreut.

Als ich morgens um 8 Uhr ankomme, sind alle Kolonnen schon unterwegs. Die Jungs haben längst angefangen, während andere gerade erst den ersten Kaffee trinken oder im Berufsverkehr stehen.

Zuerst zeigt mir der Leiter der Meisterei den Hof: die Fahrzeuge, die Straßenreinigungsgeräte, die Mähtechnik, Mähroboter und den ganzen Maschinenpark. Dazu das Salzlager. Draußen ist Sommer – drinnen liegt schon das Salz für den nächsten Winter. Denn wenn es friert und schneit, kann keiner sagen: „Ach, da kümmern wir uns morgen drum.“ Dann muss das Zeug da sein. Punkt.

Schon auf dem Hof wird mir klar: Hinter einer freien, sauberen und sicheren Autobahn steckt viel mehr Vorbereitung, Technik und Handarbeit, als wir beim Vorbeifahren sehen.

Ein Raum voller Bildschirme – und im Ernstfall zählt jede Sekunde

Bevor wir zur A40 fahren, besuchen wir noch die Tunnelleitzentrale. Ein Raum voller Monitore, Kamerabilder und technischer Anzeigen. Die Zentrale ist rund um die Uhr besetzt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Denn auch nachts um drei kann in einem Tunnel ein Auto liegen bleiben, ein Unfall passieren oder Rauch entstehen.

Von Duisburg aus werden die Autobahntunnel im Rheinland und weitere Straßentunnel überwacht. Auf den Bildschirmen laufen die Kamerabilder zusammen. Meldet die Technik eine Störung oder geht ein Alarm ein, schauen die Beschäftigten sofort nach: Was ist passiert? Steht ein Fahrzeug? Braucht jemand Hilfe? Muss die Polizei verständigt werden? Muss gesperrt oder die Feuerwehr alarmiert werden?

Die Kollegen unterstützen Polizei und Rettungskräfte – und helfen auch Autofahrern, die mit einer Panne im Tunnel stehen und in diesem Moment wahrscheinlich nicht wissen, was sie tun sollen.

Besonders ernst wird jeder Rauchalarm genommen. Ein ausgelöster Melder wird nicht einfach weggeklickt. Jeder Alarm muss akribisch überprüft werden. Denn ein Brand im Tunnel wäre eine Katastrophe. Rauch, Hitze, schlechte Sicht, kaum Platz zum Ausweichen und möglicherweise Menschen, die ihre Fahrzeuge verlassen müssen: Gerade im dicht befahrenen Ruhrgebiet darf dabei keine Minute verloren gehen.

Auch hier gilt: Wenn nichts passiert, bemerken wir von dieser Arbeit fast nichts. Genau das ist der Idealfall. Aber im Hintergrund sitzen rund um die Uhr Menschen, die hinschauen und reagieren, sobald etwas nicht stimmt.

Mitten im Einsatz auf der A40

Dann fahren wir raus. A40, Anschlussstelle Holsterhausen, Auffahrt in Richtung Dortmund. Die Auffahrt ist für die Arbeiten gesperrt, wir dürfen hinein.

Ich darf leider nicht selbst mitarbeiten. Dafür hätte ich die notwendigen Sicherheitsunterweisungen gebraucht – und die macht man nicht mal eben zwischen Tür und Angel. Völlig richtig so. Aber ich darf überall zusehen, Fragen stellen und mit den Männern sprechen.

Und was soll ich sagen? Das sind herzliche, offene Typen, die richtig Bock auf ihre Arbeit haben. Keine Spur von „Dienst nach Vorschrift“. Jeder Handgriff sitzt. Jeder schaut mit. Jeder weiß, dass die Kollegen sich aufeinander verlassen müssen.

Denn da draußen geht es nicht nur darum, dass es hinterher ordentlich aussieht. Da geht es um Sicherheit. Auch um die eigene.

Robinien, Knöterich und Grün, das einfach nicht aufgibt

Der Trupp schneidet die Böschung zurück, die schon weit in die Auffahrt hineinragt. Äste hängen über, Büsche nehmen Raum und Sicht. Also wird geschnitten, gehäckselt und aufgeräumt.

Besonders hartnäckig sind Robinien. Die säen sich überall selbst aus, wachsen aus gepflasterten Randstreifen und bringen kräftige Dornen mit. Sie werden knapp über dem Pflaster auf den Stock gesetzt – und treiben anschließend wieder aus. Deshalb gehen die Kollegen zwei-, drei-, manchmal viermal im Jahr an dieselben Stellen. Fertig ist man damit eigentlich nie.

Und dann ist da noch der Japanische Staudenknöterich: ein invasiver Neophyt, der sich rasant ausbreitet und kaum kleinzukriegen ist. Ein kleines Stück Wurzel reicht, und das Zeug kommt wieder. Auch das gehört zur täglichen Auseinandersetzung mit dem Straßenbegleitgrün.

Bevor die Maschinen loslegen, wird die Fläche abgegangen. Hat dort ein Tier ein Nest oder eine Höhle gebaut? Steht dort eine seltene Pflanze? Erst wenn das geprüft ist, wird gemäht. Ich wohne selbst direkt an der Autobahn und würde mir dort keine Höhle bauen – aber Großstadttiere sehen das offenbar anders.

Dann darf ich in den Unimog. Vorne ein Mähwerk, an der Seite ein zweites an einem Gelenkarm. Ich sitze am Joystick und bekomme eine Ahnung davon, wie viel Gefühl, Konzentration und technisches Können man braucht, um dieses Gerät sauber zu führen.

Von außen sieht das vielleicht nach „ein bisschen mähen“ aus. Von innen ganz sicher nicht.

Was manche Leute aus dem Fenster werfen, macht sprachlos

Wer Grün schneidet, muss auch den Rinnstein und die Randbereiche reinigen. Und da liegt wirklich alles.

Zigarettenkippen. Ganze Aschenbecherladungen. Getränkedosen. Fast-Food-Verpackungen. Plastik. Der ganze Mist, der sich im Auto ansammelt und den manche offenbar einfach aus dem Fenster rotzen.

Mal ganz ehrlich: Was soll das?

Die Straßenwärter sind doch nicht dafür da, den persönlichen Mülleimer erwachsener Menschen zu spielen. Jede Dose, jede Kippe und jede Verpackung muss jemand aufheben. Mit Arbeitszeit, Fahrzeugen und Personal, das wir alle bezahlen – und das in dieser Zeit an anderer Stelle fehlt.

Aber Müll ist nur die harmlose Seite dieses Berufes.

Diese Männer kratzen Zigarettenkippen vom Asphalt. Und nach tödlichen Unfällen räumen sie auch das weg, worüber kaum jemand sprechen möchte: Blut und menschliche Überreste, die auf der Fahrbahn zurückbleiben. Sie sperren ab, sichern, reinigen und sorgen dafür, dass die Straße irgendwann wieder freigegeben werden kann.

Das sind Bilder und Aufgaben, die man nicht einfach mit dem Feierabend auf dem Hof zurücklässt.

Meine Hochachtung vor diesem Beruf ist an diesem Tag noch einmal deutlich gewachsen.

Bei 38 Grad in Schnittschutzhose. Bei minus zehn im Winterdienst.

Straßenwärter arbeiten nicht nur dann, wenn das Wetter angenehm ist. Sie sind draußen, wenn andere die Klimaanlage hochdrehen oder lieber zu Hause bleiben.

Bei 38 Grad stehen sie in schwerer, gepolsterter Schnittschutzhose an der Böschung. Im Winter fahren sie bei minus zehn Grad nachts raus, wenn Fahrbahnen glatt werden und wir morgens möglichst sicher zur Arbeit kommen wollen. Regen, Sturm, Hitze, Frost – die Autobahn macht keine Pause, also können sie es oft auch nicht.

Sie reparieren Leitplanken, erneuern Markierungen, sichern Unfallstellen, beseitigen Schäden und räumen nach Unfällen auf. Bei Bombenfunden und Entschärfungen sperren sie innerhalb kürzester Zeit Strecken ab. Gerade bei uns im Ruhrgebiet ist das keine seltene Ausnahme.

Und sie tun all das wenige Meter neben Autos und Lastwagen, die an ihnen vorbeifahren.

Die meisten fahren vernünftig. Einige aber eben nicht. Beschäftigte werden angepöbelt, bedroht oder sogar mit Müll beworfen. Wer so etwas macht, hat nicht verstanden, dass diese Leute gerade auch für seine Sicherheit arbeiten.

Warum manchmal keiner auf der gesperrten Baustelle zu sehen ist

Diesen Gedanken kennen wahrscheinlich viele: Die Strecke ist abgesperrt, aber weit und breit arbeitet niemand. Dann sitzt man im Stau und denkt: „Warum machen die hier nicht endlich weiter?“

Mir wurde in der Meisterei erklärt, dass der Grund häufig nicht bei den Beschäftigten vor Ort liegt. Vorgaben aus Berlin setzen für bestimmte Arbeiten genaue Arbeitsfenster. Ist dieses Zeitfenster vorbei, muss die Arbeit beendet werden – selbst wenn der Trupp gern weitermachen würde und die Aufgabe noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Dann wird die Baustelle später erneut angefahren.

Dazu kommen spontane Notfälle. Wird etwa kurzfristig eine Strecke wegen einer Bombenentschärfung gesperrt, müssen laufende Arbeiten abgebrochen werden. Die Mannschaft fährt zum neuen Einsatz, sichert dort ab und kehrt an einem der folgenden Tage zur ursprünglichen Aufgabe zurück – wenn nicht schon der nächste Notfall dazwischenkommt.

Von außen sieht das nach Stillstand aus. Tatsächlich sind dieselben Leute oft längst an der nächsten dringenden Stelle im Einsatz.

Wenn uns solche Vorgaben zu langsam oder zu unflexibel erscheinen, müssen wir über die Regeln und die Organisation reden. Aber wir sollten den Frust nicht an denen auslassen, die draußen versuchen, unter diesen Bedingungen ihre Arbeit zu schaffen.

Ohne sie läuft hier gar nichts

Wir im Ruhrgebiet reden nicht lange drum herum: Ohne diese Männer läuft der Laden nicht.

Keine sichere Unfallstelle. Keine reparierte Leitplanke. Kein Winterdienst. Keine freie Entwässerungsrinne. Keine zurückgeschnittene Böschung. Keine schnelle Sperrung bei Bombenfunden. Und niemand, der das wegräumt, was nach den schlimmsten Unfällen zurückbleibt.

Das sind keine anonymen Gestalten in Warnkleidung, an denen man möglichst schnell vorbeifährt. Das sind Menschen aus unserer Region. Kollegen, Nachbarn, Familienväter. Menschen, die einen körperlich harten, gefährlichen und manchmal auch seelisch belastenden Job machen.

Dafür verdienen sie vernünftige Arbeitsbedingungen, genügend Personal und unseren Respekt. Nicht irgendwann. Jeden Tag.

Zum Abschied habe ich eine Einladung bekommen: Beim nächsten Winterdienst darf ich eine Nachtschicht mitfahren.

Natürlich nehme ich die Einladung an. Ich freue mich schon darauf – und ich ahne, dass ich danach noch einmal mit ganz anderen Augen auf die orangefarbenen Fahrzeuge schauen werde, die nachts für uns auf die Strecke gehen.

Danke an die Jungs von der Autobahnmeisterei Duisburg. Ihr haltet Essen und das Ruhrgebiet am Laufen – bei Wind und Wetter, Tag und Nacht.