Ein Logistik-Champion mitten in Altendorf

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Altendorf wird häufig auf seine Probleme reduziert. Dabei sitzt mitten im Stadtteil ein Unternehmen, das für die Arzneimittelversorgung weit über Essen hinaus eine zentrale Rolle spielt: NOWEDA, Deutschlands größte Apothekergenossenschaft. Bei einem Praktikumstag habe ich erlebt, was passieren muss, bevor ein Medikament in der Apotheke über den Tresen geht.

Wenn wir in der Apotheke ein Medikament abholen, sehen wir nur den letzten Schritt einer langen Kette. Wir reichen unser Rezept über den Tresen und erwarten zu Recht, dass das benötigte Arzneimittel vorhanden ist – oder zumindest schnell beschafft werden kann.

Aber Medikamente stehen nicht einfach plötzlich im Regal. Dahinter stecken eine hochkomplexe Logistik und viele Menschen, die dafür sorgen, dass im entscheidenden Moment das richtige Präparat am richtigen Ort ankommt.

Wie das funktioniert, habe ich bei meinem Praktikumstag bei der NOWEDA an der Heinrich-Strunk-Straße in Essen-Altendorf erlebt.

Das unsichtbare System hinter unserer Apotheke

Mein Tag begann um 9 Uhr mit einem ausführlichen Gespräch mit der Essener Niederlassungsleitung und der Unternehmenskommunikation. Danach ging es direkt in den Betrieb.

Wenn ein Lkw Arzneimittel anliefert, wird nicht einfach nur eine Palette abgeladen. Die Beschäftigten prüfen zunächst, ob die Lieferung vollständig und unbeschädigt angekommen ist. Anschließend werden die Medikamente erfasst, den jeweiligen Chargen zugeordnet und sachgerecht eingelagert.

Diese Dokumentation ist für die Arzneimittelsicherheit unverzichtbar. Ruft ein Hersteller eine bestimmte Charge zurück, muss schnell nachvollziehbar sein, welche Packungen betroffen sind, wo sie lagern und an welche Apotheken sie bereits ausgeliefert wurden.

In der Kommissionierung werden anschließend die Bestellungen der einzelnen Apotheken zusammengestellt – teilweise automatisiert, teilweise von Hand. In jede Transportkiste muss exakt das hinein, was bestellt wurde. Nicht ungefähr. Nicht irgendwann. Sondern richtig und rechtzeitig.

Besondere Anforderungen gelten für kühlpflichtige Arzneimittel wie Insulin oder bestimmte Impfstoffe. Ihre Kühlkette darf nicht unterbrochen werden.

Noch strenger sind die Sicherheitsvorkehrungen bei Betäubungsmitteln. Ich durfte auch diesen besonders geschützten Bereich sehen. Über Einzelheiten schreibe ich aus gutem Grund nicht. So viel kann ich aber sagen: Die mehrstufigen Sicherheitsmaßnahmen sind gut durchdacht und fest in den Arbeitsalltag integriert. Unbefugte sollen keine Chance haben, an diese Medikamente zu gelangen.

Mehrmals täglich zu den Apotheken

Sind die Bestellungen fertig, werden sie in die bekannten NOWEDA-Transporter geladen. Diese Fahrzeuge hat wahrscheinlich fast jeder in Essen schon einmal gesehen.

Mehrmals täglich, frühmorgens und teilweise auch nachts beliefern sie die Apotheken. Ist ein dringend benötigtes Medikament dort nicht vorrätig, kann es häufig innerhalb weniger Stunden nachgeliefert werden.

Auch zurückgegebene Arzneimittel landen nicht einfach wieder im Regal. In der Reklamation wird geprüft, ob sie erneut ausgeliefert werden dürfen, an den Hersteller zurückgehen oder vernichtet werden müssen. Jeder Vorgang wird dokumentiert und wieder im System erfasst.

Was dabei von außen wie ein reibungsloser Automatismus wirkt, ist das Ergebnis konzentrierter Arbeit. Trotz aller Technik und Automatisierung sind es die Beschäftigten, die Lieferungen prüfen, Arzneimittel sortieren, Bestellungen zusammenstellen, Reklamationen bearbeiten und die Apotheken beliefern.

Milliardenumsatz ist nicht Milliardengewinn

Bei NOWEDA werden gewaltige Warenwerte bewegt. Manche Arzneimittel sind extrem teuer. Deshalb darf man hohe Umsatzzahlen nicht mit ebenso hohen Gewinnen verwechseln.

Ein großer Teil des Umsatzes besteht aus Medikamenten, die eingekauft, gelagert und an die Apotheken weitergegeben werden. Der Warenwert läuft durch das Unternehmen – er bleibt dort nicht als Gewinn hängen.

Zu einem ehrlichen Blick auf die Arzneimittelversorgung gehört auch der Wettbewerb mit Online-Apotheken. Deutsche Versandapotheken sind rechtlich ebenfalls öffentliche Apotheken und unterliegen grundsätzlich dem deutschen Apothekenrecht. Trotzdem sind die Marktbedingungen nicht dieselben.

Ein Versandunternehmen kann große Bestände an einem Standort bündeln und seine Lagerhaltung an einer überregionalen Nachfrage ausrichten. Das Netz der Vor-Ort-Apotheken muss dagegen eine dezentrale und unmittelbare Versorgung sicherstellen.

Jede einzelne Apotheke ist nach § 15 der Apothekenbetriebsordnung verpflichtet, mindestens den durchschnittlichen Bedarf einer Woche sowie bestimmte Arzneimittel und Medizinprodukte für Notfälle vorrätig zu halten. Darunter können auch Präparate sein, die nur selten verlangt werden und möglicherweise verfallen, bevor sie abgegeben werden können.

Diese Vorratshaltung kostet Geld und bindet Kapital. Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass Menschen im Ernstfall nicht erst auf ein Paket warten müssen.

Wer nur den Preis einer einzelnen Packung vergleicht, blendet diese Leistung aus. Faire Wettbewerbsbedingungen müssen deshalb auch berücksichtigen, dass Apotheken vor Ort Medikamente bereithalten, persönlich beraten, Notdienste übernehmen und im Ernstfall sofort erreichbar sind.

Bei ausländischen Versandapotheken kommt hinzu, dass sie teilweise unter anderen nationalen Rahmenbedingungen arbeiten. Der Wettbewerb findet deshalb nicht immer unter wirklich vergleichbaren Voraussetzungen statt.

Politik muss wissen, wie Versorgung praktisch funktioniert

In unseren Gesprächen ging es auch um die Kosten des Gesundheitssystems und um Möglichkeiten, Abläufe besser zu organisieren. Viele der entscheidenden politischen Stellschrauben liegen auf der Bundesebene und damit nicht in meinem unmittelbaren Arbeitsbereich im Landtag.

Einige Anregungen werde ich dennoch an meine Kolleginnen und Kollegen in Berlin weitergeben.

Denn politische Entscheidungen werden nicht dadurch besser, dass man immer neue Paragrafen schreibt. Man muss sich vorher ansehen, wie Versorgung in der Praxis funktioniert – und welche Folgen politische Entscheidungen für diejenigen haben, die sie jeden Tag umsetzen müssen.

Eine Erfolgsgeschichte aus Altendorf

NOWEDA wurde 1939 gegründet und gehört bis heute den Apothekerinnen und Apothekern. Der genossenschaftliche Auftrag ist klar: die Apotheken vor Ort zu stärken und eine zuverlässige Versorgung mit Arzneimitteln zu sichern.

Aus dieser Idee ist über Jahrzehnte ein bundesweit bedeutendes Logistikunternehmen geworden – mit seinem Sitz nicht auf der grünen Wiese, sondern mitten in Essen-Altendorf.

Ausgerechnet Altendorf, könnte man sagen. Ein Stadtteil, über den häufig so gesprochen wird, als bestünde er nur aus Problemen. Wer genauer hinschaut, entdeckt hier aber auch wirtschaftliche Stärke, qualifizierte Arbeitsplätze und Unternehmen, die weit über Essen hinaus Verantwortung tragen.

Während meines Praktikumstags wurde hoch konzentriert und mit großem Tempo gearbeitet. Gleichzeitig habe ich einen freundlichen, kollegialen und erstaunlich familiären Umgang erlebt.

NOWEDA ist nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber. Das Unternehmen ist ein wirtschaftlicher und logistischer Champion aus einem Stadtteil, dem viele viel zu wenig zutrauen.

Wer in der Apotheke ein Medikament abholt, sieht die Arbeit dahinter nicht. Aber ohne sie blieben viele Regale leer.

Vielen Dank an Niederlassungsleiter Marc Heinemann, Dr. Joachim Reinken und Frau Kahlert aus der Unternehmenskommunikation, Herrn Multhaup aus dem Wareneingang und Antonia aus der Reklamation für die offenen Gespräche, die geduldigen Erklärungen und die spannenden Einblicke in ihre Arbeit.