Damit unsere Stadt nicht zwischen Baustellen aufgerieben wird
Wer in Essen unterwegs ist, braucht keine Durchhalteparolen, sondern verlässliche Wege. Genau daran fehlt es im Ruhrgebiet seit Jahren immer häufiger. Züge fallen aus oder kommen unpünktlich, Brücken sind marode, Autofahrer stehen im Stau auf den Autobahnen, und an vielen Stellen wird gleichzeitig gebaut. Das alles kommt nicht überraschend. Wir erleben heute die Folgen einer Infrastruktur, die über Jahrzehnte stärker genutzt als erneuert wurde.
Dass jetzt endlich investiert und modernisiert wird, ist richtig. Aber daraus folgt noch nicht automatisch eine gute Verkehrspolitik. Für die Menschen in Essen zählt nicht, wie viele Projekte auf dem Papier laufen. Für sie zählt, ob sie morgens zur Arbeit kommen, ob Kinder und Jugendliche pünktlich in Schule und Ausbildung ankommen, ob Termine erreichbar bleiben und ob unsere Stadt trotz Bauphasen handlungsfähig bleibt. Modernisierung muss deshalb mehr sein als technischer Baufortschritt. Sie muss den Alltag der Menschen verbessern.
Genau dafür setze ich mich im Landtag ein. Als Mitglied des Verkehrsausschusses ist es meine Aufgabe, die Interessen der Menschen in Essen und im Ruhrgebiet sichtbar zu machen: nicht abstrakt, sondern mit Blick auf den Alltag.
Mich interessiert nicht nur, was planerisch vorgesehen ist, sondern ob es am Ende für Pendlerinnen und Pendler, für Familien, für Auszubildende, für ältere Menschen und für Unternehmen in unserer Stadt tatsächlich besser wird.
Gerade Essen zeigt, wie kompliziert die Lage inzwischen geworden ist. Unsere Stadt liegt mitten in einem hoch belasteten Verkehrsnetz. Hier treffen wichtige Schienenachsen, Autobahnen und Knotenpunkte direkt aufeinander. Wenn an einer Stelle gebaut wird, spüren wir das oft weit über den eigentlichen Bauort hinaus. Und genau deshalb reicht es nicht, wenn jede zuständige Stelle nur auf ihr eigenes Projekt schaut. Was Essen braucht, ist endlich ein abgestimmter Blick auf das Ganze. Genau diesen Zusammenhang spreche ich in Gesprächen mit der Deutschen Bahn, der Autobahn GmbH und weiteren Verantwortlichen immer wieder an.
Das gilt besonders für die Bahn. Die Deutsche Bahn modernisiert im Rahmen der Hochleistungskorridore zentrale Strecken des Netzes. Das ist sachlich richtig, weil die Infrastruktur an vielen Stellen störanfällig, überlastet und technisch überaltert ist. Essen ist davon nicht abstrakt betroffen, sondern ganz konkret. Die Erfahrungen mit der S6 haben vielen Menschen vor Augen geführt, wie verletzlich das System geworden ist. Ich habe die Entwicklung rund um die S6 deshalb eng begleitet, weil sich gerade dort gezeigt hat, was lange Sperrungen, unklare Perspektiven und fehlende Verlässlichkeit für den Alltag der Menschen bedeuten. Ich habe dazu immer wieder den Kontakt zu den Verantwortlichen gesucht, Informationen eingefordert und die Auswirkungen für Essen politisch thematisiert. Wenn eine Strecke über lange Zeit ausfällt oder nur eingeschränkt funktioniert, dann ist das eben nicht nur ein technisches Problem, sondern eine direkte Belastung für das tägliche Leben zwischen Essen, dem Niederbergischen und Düsseldorf.
Autobahndreieck Essen-Ost als neuralgischer Punkt

Hinzu kommt ein weiterer besonders sensibler Punkt: der Bereich rund um das Autobahndreieck Essen-Ost. Dort überlagern sich in den kommenden Jahren mehrere große Eingriffe.
Nach den Informationen aus meinem Gespräch mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn sollen die Gleise am Autobahndreieck Essen-Ost im Jahr 2032 saniert werden. Der Bahnhof soll dann Mitte der 2030er Jahre unter laufendem Betrieb modernisiert werden. Gleichzeitig projektiert die Autobahn GmbH die Bautätigkeit für den Ersatz der Brücke über die Gleise der DB und das Verschwenken der zweiten Spur der A52 auf die A40 Richtung Bochum. Genau hier liegt der eigentliche politische Kern des Problems: In Essen treffen nicht nur Straße und Schiene aufeinander, sondern auch ihre Baustellenlogiken.
Diese Informationen sind nicht zufällig bei mir gelandet. Ich habe das Gespräch mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn bewusst gesucht, um frühzeitig zu erfahren, welche Maßnahmen auf Essen zukommen und wo sich neue Konflikte abzeichnen. Denn für mich ist klar: Es reicht nicht, Projekte erst dann zu kommentieren, wenn die Sperrungen schon da sind. Ich sehe meine Aufgabe darin, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, die Folgen für Essen einzuordnen und gegenüber den Verantwortlichen deutlich zu machen, wo bessere Abstimmung nötig ist.
Das ist keine Kleinigkeit. Der Bereich Essen-Ost ist schon heute ein empfindlicher Engpass.
Die Einfädelung von der A52 auf die A40 Richtung Osten ist seit langem überlastet. Pendlerinnen und Pendler kennen die Rückstaus, die stockenden Fahrbeziehungen und die ständige Unsicherheit, wie viel Zeit für eine eigentlich kurze Strecke wieder verloren geht. Wenn dort nun parallel oder in enger zeitlicher Folge an Fahrbahnen, Brücken, Gleisen und Bahnhofsbereichen gearbeitet wird, dann entscheidet sich an diesem Knoten, ob Essen verkehrlich stabilisiert oder zusätzlich belastet wird.
Man muss sich das klar machen: Für die Menschen vor Ort sind das keine getrennten Fachprojekte. Niemand erlebt morgens „ein Autobahnprojekt“, „ein Bahnprojekt“ und „eine Brückensanierung“ nacheinander. Die Menschen erleben nur, dass Wege länger dauern, Anschlüsse schlechter funktionieren, Staus ausweichen, Züge unzuverlässig werden und der Alltag komplizierter wird. Genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob jedes Projekt für sich genommen sinnvoll ist. Die entscheidende Frage ist, ob die Maßnahmen so koordiniert werden, dass Essen dabei nicht zwischen den Baustellen zerrieben wird. Genau das werde ich in meiner politischen Arbeit weiter zum Thema machen.
Nicht nur Essen-Mitte, sondern auch der Westen

Lageplan, Kartengrundlage: topografische Vermessung, Auszug aus den Geobasisdaten der Landesverwaltung Nordrhein-Westfalen – Geoportal Land NRW (2017)
Das gilt ebenso für die westliche Seite der Stadt. Die A40 aus Richtung Mülheim nach Essen ist schon heute hoch belastet. Die geplante Erweiterung auf sechs Spuren zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist. Auch hier geht es nicht um Luxus, sondern um eine über Jahrzehnte überbeanspruchte Verkehrsachse. Gleichzeitig ist klar: Solche Maßnahmen schaffen nicht sofort Entlastung. Sie bedeuten zunächst weitere Bauphasen, weitere Engpässe und weiteren Abstimmungsbedarf. Wenn dann zusätzlich rund um Essen-Ost die nächsten Großmaßnahmen anstehen, braucht es endlich eine Verkehrsplanung, die das Ruhrgebiet nicht als Summe einzelner Zuständigkeiten behandelt, sondern als zusammenhängenden Lebensraum.
Für mich ist deshalb der politische Maßstab eindeutig. Mobilität ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wer auf Bus und Bahn angewiesen ist, wer mit dem Auto zur Schicht muss, wer Kinder fährt, Angehörige versorgt oder zwischen Stadtteilen und Umland pendelt, braucht verlässliche Wege. Deshalb spreche ich mit der Deutschen Bahn, der Autobahn GmbH und weiteren Verantwortlichen nicht nur über Baufortschritte, sondern immer auch über die Frage, was diese Maßnahmen für die Menschen in Essen bedeuten. Ich werde weiter nachfragen, wie Bauabläufe abgestimmt werden, wie Ersatzverkehre organisiert sind und wie verhindert werden kann, dass mehrere Großmaßnahmen unsere Stadt gleichzeitig überfordern. Eine sozialdemokratische Verkehrspolitik darf Straße und Schiene nicht gegeneinander ausspielen. Essen braucht beides: eine leistungsfähige Bahn und funktionierende Straßenverbindungen. Aber wir dürfen die Menschen nicht mit den Folgen schlechter Abstimmung alleinlassen.
Was heißt das konkret?
Das heißt konkret: Baustellen müssen besser koordiniert werden. Ersatzverkehre müssen verlässlich funktionieren. Informationen müssen frühzeitig, verständlich und alltagstauglich kommuniziert werden. Und dort, wo sich Maßnahmen an einem so sensiblen Knoten wie Essen-Ost überlagern, muss politisch klar sein: Nicht alles, was technisch gleichzeitig planbar ist, ist auch gleichzeitig für die Menschen zumutbar. Genau hier werde ich weiter nachhaken – im Ausschuss, in Gesprächen mit den Verantwortlichen und überall dort, wo die Interessen Essens deutlicher vertreten werden müssen.
Essen ist eine Stadt der Arbeit, des Pendelns, der Ausbildung, des täglichen Unterwegsseins. Unsere Stadt darf nicht zur Verschiebemasse zwischen Bauphasen von Bahn und Autobahn werden. Die Menschen hier haben Anspruch auf eine Infrastruktur, die funktioniert. Und sie haben Anspruch darauf, dass die notwendige Modernisierung so organisiert wird, dass am Ende mehr Verlässlichkeit entsteht – nicht noch mehr Frust.
Die kommenden Jahre werden im Verkehr nicht einfach. Das wäre unehrlich. Aber genau deshalb müssen wir jetzt darauf drängen, dass aus vielen einzelnen Baustellen endlich ein gemeinsamer Plan für Essen wird. Daran arbeite ich im Landtag und in meinen Gesprächen mit den Verantwortlichen: damit notwendige Modernisierung nicht an den Menschen vorbeigeplant wird, sondern ihrer Lebensrealität dient.

